Runde 9 - Wieder weit oben

Aufbruchstimmung auf dem Segelfluggelände Sontra. Quelle: Sebastian SiebertDie 9. Runde in der 1. Segelflugbundesliga lief wieder hervorragend für den Aero Club Nastätten. 14 Punkte wurden erflogen und der Erstligist des Blauen Ländchens klettert in der Tabelle von Platz 11 auf Platz 6. Der kurzzeitige Besuch der Tabellenmitte ist nun fast vergessen.

 

Am vergangenen Wochenende war das Wetter aus der Sicht eines Fußgängers an beiden Tagen schön. Für den Streckensegelflug war jedoch nur der Samstag interessant. Der Sonntag mit hohen Bodentemperaturen und einer trockenen Luftmasse produzierte schwache Blauthermik. Es war ein Sonntag, an dem auch der Segelflieger lieber ins Freibadbecken als ins Cockpit steigt. Das zeigten auch die Flüge auf der Plattform des Online Contests: Zwei der 144 Flüge mit einem Startort in Rheinland-Pfalz überwanden am Samstag sogar die 700 km-Marke. Am Sonntag waren es nur drei Flüge, die eingereicht wurden. Die längste Strecke maß sehr magere 51 km. Eine sogenannte Warmluftadvektion kurbelte den Getränkekonsum an und ließ die weißen Segler mit den langen Flügeln im Schatten des Hallendachs schlummern. Eine Überraschung gab es am Samstagabend. Obwohl ganze zehn Ligaflüge auf dem Segelfluggelände Nastätten starteten, schaffte es nur einer dieser Flüge in die Wertung. Es wurde ungewöhnlich früh und mit großen Erwartungen gestartet. Die Prognose sagte nämlich frühe Thermik voraus und die ersten Cumuluswolken machten vom Boden aus einen wirklich guten Eindruck. In der Luft enttäuschten sie jedoch. Das Steigen war unerwartet schwach und die Thermik sehr schwer zu finden. Pechvogel des Tages war Moritz Althaus, der als erster gestartet war, aber schon sehr bald in Nähe der ehemaligen Militärbasis Pferdsfeld außenlanden musste.

 

Vor dem Abrüsten der 007 auf dem Maisacker am Silbersee. Quelle: Sebastian SiebertSebastian Siebert hatte als neues Mitglied im ACN einen fulminanten Einstand als Bundesligapilot. Er startete auf seiner DG-600 (17 m Spannweite) mit dem amtlichen Kennzeichen "D-8007" und dem naheliegenden Wettbewerbskennzeichen "007" auf dem Segelfluggelände Sontra Dornberg im Werra-Meißner-Kreis. Sein Segelflugzeug ist noch in Nordhessen stationiert, so dass er morgens mit seiner Frau erstmal 220 km weit mit dem Auto fahren musste. Um 11:00 Uhr startete Siebert mit Wasserballast in den Flügeln an der Winde. Leider wollte die Thermik auch dort nicht zu der verheißungsvollen Vorhersage passen. Er wartete daher in Flugplatznähe auf das Ansteigen der extrem niedrigen Wolkenbasis. Vorsichtig und langsam tastete er sich zu seiner ersten planmäßigen Wende Walldürn im Odenwald vor. Seine Reisegeschwindigkeit betrug bis dahin nur 60 km/h. Seine zweite geplante Wende erreichte er gegen 16:00 Uhr über dem Thüringer Wald deutlich schneller mit 100 km/h Reisegeschwindigkeit dank kräftiger Aufwinde und einem lebhaften Rückenwind. Zufällig traf er dort einen Vereinskameraden und sie sprachen sich über Funk ab, weiter zum Bayerischen Wald zu fliegen. Die Steigwerte lagen nämlich jetzt bei hervorragenden 4 m/s und es ging hinauf auf über 2.000 m über dem Meeresspiegel. Da die Thermik erst spät enden sollte, war der Rückflug nach dem ungeplanten Abstecher in den Südosten erfahrungsgemäß kein Problem. Es kam jedoch ganz anders: Die Cumuluswolken lösten sich noch über dem Bayerischen Wald auf, der Gegenwind nahm zu und es kam eine dichte mittelhohe Abschirmung mit großen Schritten näher. Als diese schließlich über dem Flugweg der "007" lag, war ein weiteres Fortkommen nicht mehr möglich. Daher entschied Siebert sich frühzeitig zu einer sicheren Außenlandung. Er wählte einen Maisacker am Silbersee in der Gemeinde Treffelstein. Der Wasserballast wurde abgelassen bevor er die normale Prozedur zur Landung einleitete. Dank des noch niedrigen Bewuchses verlief die Landung problemlos. Siebert konnte nun die sehr reizvolle, idyllische Landschaft genießen, aber irgendwie musste ja das Flugzeug zurück nach Sontra. Seine Frau zeigte liebevolles Verständnis und fuhr mit dem Transportanhänger am Auto 4,5 Stunden zum Silbersee. Siebert hatte mittlerweile eine Pension organisiert, so dass es keine Nachtfahrt zurück nach Nordhessen geben musste. Nach einer erholsamen Nacht und einem reichhaltigen Frühstück ging es am Sonntag ohne Stress zurück in heimatliche Gefilde. Dieser ungewöhnliche Segelflug war ein kleines Abenteuer für die Sieberts und ein Glücksfall für den ACN, da Siebert eine hervorragende Rundengeschwindigkeit von 102,20 km/h erfliegen konnte.

 

Der zweitschnellste Flug war ebenfalls ein Auswärtsspiel. Der zweifache Vizeweltmeister Holger Back startete auf seiner LS10 "Seven One" mit 18 m Spannweite auf dem Flugplatz Bruchsal. Zunächst sah es überhaupt nicht gut nach einem schnellen Bundesligaflug aus, da der Flugplatz um 09:00 Uhr im Nebel lag. Erst um 12:00 Uhr war ein Start möglich. Da es in Richtung Westen thermisch am besten aussah, flog Back ins Saarland bis zur Dillinger Hütte, die fast immer einen besonders kräftigen Aufwind bereithält. Allerdings ist die optimale Flugwegplanung durch die diversen Lufträume über der Militärbasis Ramstein und dem internationalen Verkehrsflughafen Saarbrücken stark eingeschränkt. Er flog zurück ins Rheintal und nördlich an Karlsruhe vorbei. Hier hatte sich leider schon Blauthermik durchgesetzt. Querab von Pforzheim bog Back nach Süden zum Schwarzwald ab, über dem gut entwickelte Cumuluswolken mit hoher Basis lagen. Bei den letzten Wolken am Schluchsee lag seine letzte Wende. Anfangs konnte Back unter einer Konvergenzlinie besonders schnell zurück nach Bruchsal sprinten. Einer weiteren Wolkenaufreihung wäre er gerne weiter nach Nordosten gefolgt. Das war jedoch nicht möglich, weil sie in den Stuttgarter Luftraum hineinragte. Back musste also zurück ins Blaue mit niedriger Konfektionshöhe ausweichen, was seine Rundengeschwindigkeit deutlich reduzierte. Mit 100,59 km/h war er aber immer noch erfreulich schnell unterwegs.

 

Die Windräder auf dem Grauen Kopf. Quelle: Jens-Christian HenkeDas Bundesligateam der 9. Runde komplettiert sein Bruder Jochen Back, der die "Yankee Hotel", die DG-1001T des Vereins, mit 20 m Spannweite und ausnahmsweise ohne Co-Pilot flog. Wegen eines platten Reifens konnte er erst mit 1,5-stündiger Verspätung starten. Immerhin blieben ihm so die Anfangsschwierigkeiten der Vereinskameraden erspart. Wegen der gut entwickelten Cumuluswolken flog er zunächst in Richtung Südwest dem Hunsrück folgend ins Saarland bis zur französischen Grenze. Nun konnte er den Wind auf einem 220 km langen Schenkel bis zum Vogelsberg als Rückenwind nutzen. Von dort flog er direkt zurück zum Heimatflugplatz. Für einen Bundesligaflug war die Streckenführung gut gewählt. Da Hin- und Rückweg fast deckungsgleich waren, empfand Back den Flugweg als etwas langweilig im Vergleich zu seinen Teamkameraden. Im 2,5-stündigen Bundesligazeitfenster war Back 94,72 km/h schnell, obwohl es immer wieder Bereiche mit optisch vielversprechenden Wolken gab, die jedoch oft bezüglich der Steiggeschwindigkeiten enttäuschten.

 

Nach dem Samstag der kommenden 10. Runde ist schon die Hälfte der diesjährigen Bundesligasaison vorbei. In der Tabelle präsentiert sich der Aero Club Nastätten so gut wie nie zuvor. Dank der 14 Rundenpunkte rückt der Verein um 7 Zähler auf den 6. Tabellenplatz vor. Über einen Abstieg in die zweite Segelflugbundesliga müssen sich die Pilotinnen und Piloten des Blauen Ländchens keine Sorgen machen. Die Leistungsdichte bleibt aber hoch. In der vergangenen Runde entschieden marginale 0,09 km/h über volle zwei Rundenpunkte. Der FG Schwäbisch Gmünd war 297,60 km/h schnell, der AC Nastätten 297,52 km/h und der LSV Homberg/Ohm 297,51 km/h. Solch minimale Geschwindigkeitsunterschiede kennt man eigentlich nur aus dem Rallye-Sport. Wahrscheinlich kann auch in der kommenden Runde wieder nur an einem Tag des Wochenendes schnell geflogen werden. Aber daran hat man sich ja schon fast gewöhnt.

 

Text: Jens-Christian Henke